Pizzo Cramalina

Wenn das Tessiner Haupttal vom Nufenenpass bis zum Lago Maggiore reicht, dann ist bereits das Maggiatal ein Seitental davon. Jetzt mündet das Centovalli ins Maggiatal und ist somit ein Seitental eines Seitentals. Das Onsernonetal zweigt vom Centovalli ab und ist also ein Seitental eines Seitentals eines Seitentals. Das Vergelettotal schliesslich, welches vom Onsernonetal abzweigt, ist damit ein Seitental eines Seitentals eines Seitentals eines Seitentals. Was soll das nun mit dieser vierfachen Seitentalheit des Vergelettotals? Für uns Wanderer aus der Deutschschweiz hat diese Abgeschiedenheit einen gravierenden Nachteil: es ist nur mühsam zu erreichen nach langer Fahrt und gefühlten 10'000 Kurven. Vorteil: es verirren sich nicht allzu viele Wanderer dorthin, speziell natürlich im Spätherbst. Heute hat es noch einen weiteren, nicht zu verachtenden Vorteil: der Hochnebel, der von der Poebene her gegen den Alpenbogen brandet, schafft es ebenfalls nicht hierher in diese Abgeschiedenheit, und so sind wir in diesem einsamen Tal am 30. November unterwegs wieder mal bei herrlichstem Sonnenschein, stahlblauem Himmel und klarer Fernsicht weit über die Hochalpen. Wir starten unsere heutige Tour in Gresso und steigen via Pian della Crosa, Alpe Bassa und Passo della Bassa zur Alpe Canaa hoch. In der Sonne ist es angenehm warm, dafür liegt im Schatten eine dicke Schicht Raureif auf den Wegen. Überrascht stellen wir bei der Alpe Canaa fest, dass es dort einen blauen Wegweiser gibt, der zur Capanna Alzasca weist. Auf der Karte ist in dieser Gegend kein Alpinwanderweg eingezeichnet. Da er in unsere Richtung zeigt, folgen wir gerne dem weiss-blau markierten Weg, der bis hinauf zum Punkt 2081 breit und einfach ist. Ab da zweigt dann eine unschwierige Spur eher minderer Qualität steil hoch zum Pizzo Cramalina ab. Hier geniessen wir die herrliche Sicht über den Alpenbogen. Geplant war eigentlich, nun in Richtung Alpe di Lago abzusteigen und dann auf der oberen in der Karte eingezeichneten Wegspur gen Westen zu queren. Aber die weiss-blauen Markierungen laden uns ein, weiter dem Grat zu folgen, und auf die kleine Cramalina zuzuhalten. Wir bewegen uns nun meist auf dem Grat. Es gibt etwas Blockkletterei zu bewältigen und ab und zu ist das Ganze doch etwas ausgesetzt, aber bis kurz vor dem Punkt 2242 nicht allzu schwierig. Nun wäre aber ein ziemlich breiter und steiler Plattenschuss zu queren, zwar mit Kette gesichert, aber doch ziemlich haarig. Paul entscheidet, das dann doch sein zu lassen, nicht zuletzt auch, weil wir ja eigentlich nicht zur Capanna Alzasca wollen sondern wieder zurück nach Gresso. So steigen wir nun der Nase folgend steil und auch nicht ohne Schwierigkeiten hinunter zur Alpe del Ròdan und folgen darauf zum Abschluss einem sehr schönen und malerischen Weglein via Monte und Coleta zurück zum Auto. Eine abenteuerliche und einsame Tour in einer sogar für das Tessin abgelegenen Gegend. Etwas unschön war, dass Jäger unterwegs waren und zweimal ganz in unserer Nähe Schüsse abgegeben haben. Wahrscheinlich war das für eine Weile unsere letzte Wanderung, die uns in solche Höhen geführt hat, soll es doch in dieser Woche jetzt leider auch im Tessin in den Bergen Schnee geben.

Dienstag, 01. Dezember 2020

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