Ich bin immer noch läufig, so will Paul an diesem auf der Alpensüdseite sonnigen 22. Juli 2025 erneut eine Tour in einer möglichst abgelegenen Gegend unternehmen, damit wir niemandem begegnen, vor allem keinen anderen Hunden. Da das letzte Woche im Misox so gut geklappt hat, wollen wir zwei Täler ganz im Süden vom Misox erkundigen, nämlich das Val d'Albionasca und das Val di Roggiasca. Aber es kommt wieder mal ganz anders. Die Strasse hinauf nach Laura wird nämlich in diesem Sommer neu gemacht – nötig hat sie es ja schon lange – und ist tagsüber zwischen 7 und 17 Uhr gesperrt. Früh genug wären wir zwar dran, aber Paul will nicht riskieren, dass wir nach der Wanderung allenfalls noch stundenlang warten müssen, bis wir wieder nach Roveredo runter fahren können. Aber was jetzt? Wo gäbe es noch eine Tour, die abgelegen und einsam ist? Da fällt Paul die Cima di Visghéd (oder La Scíma da Visghéd, wie sie jetzt auf der Karte angeschrieben ist) ein. Da waren wir ja anfangs Februar 2023, als ich auch grad läufig war, schon mal fast oben. Bei diesem erneuten Versuch, den Gipfel zu bezwingen, wollen wir aber nicht mehr in der Riviera unten starten, sondern fahren von Rodaglio bis Lègri hinauf. Wir wollen – wenn wir schon hier sind – nämlich auch dem wilden Val di Lodrino eine Besuch abstatten. Orographisch linksseitig sind wir dieses Tal ja schon zweimal in der Höhe abgelaufen. Diesmal wechseln wir gleich zuerst auf die rechte Seite hinüber. Dazu muss man erst mal fast Hundert Höhenmeter absteigen, um den Riale di Lodrino auf einer Brücke zu überschreiten. Auf der anderen Talseite steigt der Weg gleich wieder steil hinauf zur schönen Terrasse In Pönn. Die streifen wir jetzt aber nur gerade und steigen ins Val di Lodrino ein. Der Weg bis zur Brücke bei Punkt 1143 – wir sind inzwischen ins Valle di Drosína eingebogen – ist meist wenig steil, mässig breit und grösstenteils in gutem Zustand. Offenbar wurde er auch eben erst gemäht. Allerdings ist das Val di Lodrino im unteren Abschnitt ja eigentlich eine Schlucht, und so geht man auf diesem Talweg recht oft hart am Abgrund. Gelegentlich finden sich sogar Sicherungen, denn bis hierhin dringt die Sonne höchstens im Hochsommer und abends, so dass der Weg meist nass und rutschig ist. Ein paar kleinere Wasserläufe sind zu queren, die ebenfalls höchste Aufmerksamkeit fordern. Mit der nötigen Sorgfalt ist diese Wegstrecke aber gut zu begehen. Nach der erstaunlich breiten Brücke über den Riale di Drosína ist der Weg dann bis über die Alpe di Pianascio hinaus nun deutlich breiter und weiterhin gut ausgemäht. Die Alp In Drosína Zótt liegt bereits in der Sonne, und wir machen hier eine erste Pause. Ein herrliches Plätzchen, wo man es gut eine Weile aushält. Danach steigen wir – immer noch auf feucht-rutschigem Pfad – wieder im Bergschatten weiter an, der Alp In Drosína Zóra zu. Kurz vor der Alp treten wir nun endgültig aus dem Schatten, so dass auch die rutschigen Wege nun für eine ganze Weile hinter uns liegen. Die Alpe di Pianascio ist bald schon erreicht. Wir machen auch hier nochmals eine längere Pause und geniessen die Aussicht hinunter in die Magadinoebene und über die ans Valle di Moleno angrenzenden Berge. Nun schwenken wir gegen Nordosten ab am El Mött dal Tir vorbei. Ab Punkt 1729 ist der Weg nun plötzlich nicht mehr gemäht. Spielt aber nicht so eine Rolle, da er weiterhin deutlich sichtbar bleibt. La Scíma da Sbordánn lassen wir aus, damit das heute nicht schon wieder ein Zehnstünder wird. Bei der Alp In Sbordánn verlassen wir nun den Weg und suchen uns einen Durchschlupf, um endlich La Scíma da Visghéd zu erreichen. Den Gipfel erklimmen wir recht mühelos, denn der Höhenunterschied beträgt ab der Alp nur noch gut 150 Meter, und das Gelände ist recht offen und gut einzusehen. Wir geniessen hier oben die tolle Aussicht! Nun machen wir uns an den langen Abstieg. Bis zur Alp In Visghéd geht das leicht über offenes Wiesengelände. Auf der Karte ist östlich um die Cima di Visghéd herum ein Weg eingezeichnet. Den wollen wir nun suchen. Man findet den Einstieg gleich nach dem nordöstlichsten Gebäude der Alp. Der Weg ist zwar nur anfangs herausgeschnitten, dafür aber mit roten Strichen und Punkten gut markiert. Wir folgen dieser Spur nun ohne Probleme in steilem Gelände aber ohne allzu viel Höhenverlust bis In Pianésc. Auch die Fortsetzung hinunter nach In Bergnáuri (via In Scégn da Vacch und In Pienèsg finden wir noch problemlos, da auch sie rot markiert ist. Unterwegs muss allerdings ein rutschiges Felsband traversiert werden, auf dem wir von oben von den Felswänden her auch noch verregnet werden. Bis In Bergnáuri ging das alles ja noch recht gut. Hier erwarten uns aber zwei Überraschungen: Erstens eine Gruppe neugieriger Ziegen und zweitens finden wir erst mal die Fortsetzung des Weges hinunter nach In Roréd nicht. Nach einiger Sucherei, zeigt sich uns ein brutal steiler Abstieg. Wir steigen den hinunter – mehrere Felspassagen müssen mehr kletternd als gehend überwunden werden – verlieren den Pfad gelegentlich, bleiben dank GPS mehr oder weniger in der richtig Spur und stehen vor In Roréd plötzlich vor einem fast 3 Meter hohen Zaun. Hm, wie überwinden wir jetzt den? Und obwohl es scheint, dass dieser Weg längst aufgegeben ist, hat ihn offenbar doch schon mal jemand begangen, denn der Zaun ist an einer günstigen Stelle einfach hochgebogen worden, so dass wir beide unten durch kriechen können. Die Fortsetzung hinunter nach In Büsgen ist grad nochmals eine Katastrophe und wird wohl auch nicht mehr begangen. So langsam gehen unsere Kräfte und Nerven zur Neige. Schliesslich treffen wir bei In Büsgen zwei ältere Leute, die gerade den Zaun dort ausbessern. Sie zeigen uns den Weg hinunter nach In Pönn. Zum Glück wird wohl wenigstens der gepflegt. Er ist gemäht und sogar im steilsten oberen Abschnitt mit einem langen Stahlseil gesichert. So erreichen wir noch vor der endgültigen Erschöpfung In Pönn. Die Brücke über den Riale di Lodrino ist jetzt auch schnell erreicht. Jetzt müssen wir nur noch die oben erwähnten fast hundert Höhenmeter zurück nach In Lègri wieder hoch steigen, was uns grad noch die letzten Kräfte kostet. Die Tour war abwechslungsreich und einsam, aber sehr kräftezehrend. Unterwegs sind wir weder einem Wanderer noch einem Hund begegnet. Allerdings könnten der Weg zwischen In Bergnáuri und In Büsgen ruhig aus der Landeskarte gelöscht werden, sonst führt er noch einen weniger erfahrenen Wanderer ins Verderben...