Ein leichter Nordwind beschert dem Tessin am 7. Oktober 2025 erneut einen sonnigen Herbsttag. Für uns eine Möglichkeit, etwas auszuprobieren, was Paul schon lange ins Auge gefasst hat. Nordöstlich von Gordevio führt nämlich ein Grat von In Pisciòla hinauf zur Alp da Pizzítt. Ob sich der besteigen lässt? Wir laufen auf bekanntem Weg – steil aber gut gestuft – erst Mal hinauf nach In Arc'èsg, wo wir bereits aus dem Bergschatten treten. Bei Al Flècc schlagen wir den ebenfalls bekannten Weg hinauf nach Pianescio ein. Er ist breit, wenig steil und angenehm zu gehen. Ab Pianescio nimmt die Qualität des Weges rapide ab, und nun bleibt es mehr oder weniger steil bis hinauf zur Alp da Pizzítt. Ist der Rücken einmal erreicht, verschwindet der Weg. Da die Südflanke arg mit Farn und Ginster überwuchert ist, weichen wir in den Buchenwald aus. In Pisciòla erreichen wir ohne Probleme. Hier machen wir eine erste Pause und geniessen die Stille. Kurz nach In Pisciòla geht der Rücken in einen Grat über und wird deutlich stotziger. Wir folgen nun immer wieder einem Wildwechsel, der uns – mehr oder weniger direkt auf dem Grat bleibend – hinauf zur Alp da Pizzítt führt. An mehreren Steilaufschwüngen braucht Paul gelegentlich seine Hände, und ich kämpfe mich ebenfalls mit Mühe hinauf. Ganz knapp schaffe ich alles noch ohne Hilfe. Die Schlüsselpassage befindet sich um die 1500er Höhenlinie herum. Da steht man vor einem Felsaufschwung, der erst Mal recht anspruchsvoll erscheint. Aber bei näherem Hinschauen, zeigt sich praktisch genau in der Mitte des Grates eine Verschneidung, wo man krasmend diese Felspassage dann doch recht leicht überwinden kann. Schliesslich ist das Kreuz bei der Alp da Pizzítt erreicht, wo wir eine wohlverdiente längere Pause einlegen. Dank des Nordföhns ist die Fernsicht ungetrübt. Auch von hier aus (wie von manch einem Punkt im Tessin) sehen wir den höchsten und den tiefsten Punkt der Schweiz (Dufourspitze und Lago Maggiore). Nun stehen uns diverse Optionen offen: Wir können entweder über A Mergòzz oder über A Brünèsg gleich wieder nach Gordevio zurück laufen, oder aber wir steigen noch weiter an. Zwar hat uns dieser Aufstieg über den Grat schon ziemlich Kraft gekostet, aber uns bereits an den Abstieg machen, wollen wir dann doch auch nicht. So steigen wir noch ein Stück die Costa della Motta an. Um allerdings den Mött di Pègor oder gar den Pizzo d'Orgnana zu erreichen, reichen die Kräfte dann doch wohl nicht mehr. So traversieren wir auf einem schönen Weg hinüber zur L Alp da Cansgéi. Unterwegs treffen wir immer wieder auf Wasserläufe, worüber ich sehr froh bin, habe ich doch den halben Liter Wasser, den Paul immer für mich über die Berge trägt, bereits ausgesoffen. Bei der Alp da Cansgéi machen wir nochmals eine längere Pause und geniessen die Ruhe, die Aussicht und die herrlichen Herbstfarben. Der Abstieg erfolgt nun erst Mal direkt durchs Vall da G'èsg. Auf ca. 1430 Meter Höhe queren wir den Bach und laufen nun auf der Strecke, die wir im Februar 2022 mit Esther und ihren Hundis schon mal angestiegen sind, hinunter nach Gordevio. Ist der Bachübergang noch gut zu finden (der Weg ist beidseitig heraus gemäht), ist vom Weg bis zur Alp da G'èsg im Buchenlaub nicht immer viel zu sehen. Wo es drauf an kommt – bei den Querungen der diversen Runsen – findet man ihn aber problemlos. Auch der weitere Abstieg hinunter nach In Cortasgéll dala Víla braucht etwas Spürsinn. Kurz vor diesem Maiensäss müssen wir durch einen Zaun und danach – praktisch bis hinunter nach Gordevio – ist der Weg verschissen und arg ausgetreten. Weidet hier oben im Sommer tatsächlich Grossvieh? Und tatsächlich liegt unterhalb A Dömna – wir haben inzwischen den offiziellen Wanderweg erreicht – eine Kuh halb auf dem Weg. Ob die vergessen gegangen ist? Oder weiden noch weitere Kühe im hohen Kraut um den Weg herum, und wir sehen sie einfach nicht? Jedenfalls ist es die einzige Kuh, die wir antreffen. Apropos antreffen: Trotz herrlichstem Wanderwetter begegnen uns gerade mal zwei Leute unterwegs! Beide sind Einheimische und sammeln in den tieferen Lagen Kastanien, von denen inzwischen leider ziemlich viele auf den Wegen liegen. Haben wir heute auch keinen Gipfel erreicht, so war das doch eine schöne und teils abenteuerliche Tour in einer Gegend, wo wir inzwischen zwar bald fast jeden Weg schon kennen, die aber gerade im Herbst wunderschön ist!