A Carpögna

Wenn wir schon im Maggiatal sind und dank Hotelaufenthalt erst noch gratis mit dem ÖV fahren dürfen, so bleiben wir am 22. Mai 2026 gleich im Tal und fahren von Coglio mit dem ersten Bus (der hier leider erst um 6:53 Uhr fährt, etwas spät für die heutigen Temperaturen) vier Haltestellen taleinwärts nach Riveo. Hier steigen wir auf einem nicht offiziellen Wanderweg erst mal hinauf nach Al Curt Braiái. Bis hierher war der Weg durchwegs ziemlich stotzig, mit einer unendlichen Menge an Stufen versehen aber in tipptoppem Zustand und sauber herausgeputzt, so dass ich trotz der vielen Kastanienbäumen kaum einmal einen dieser Stacheligel unter die Pfoten bekomme. Die Temperaturen sind angenehm und oberhalb von ca. 1000 Höhenmetern entfliehen wir auch der etwas drückenden Luft im Wald. Und ja, wir laufen heute fast durchgehen durch den Wald, der hier dicht wächst und gut belaubt ist, so ganz anders als gestern im Calancatal. Aber mehr los als gestern ist hier auch nicht, kommt uns doch den ganzen Tag kein einziger Wanderer entgegen. Allerdings laufen wir insgesamt nur recht wenig auf offiziellen Wanderwegen. Bei Al Curt Braiái verlieren wir den Weg kurz einmal. Warum der bis hierher so gut sichtbare Weg hier plötzlich verschwindet, ist unklar. Ob die Rustico-Besitzer versuchen, Wandersleute von ihrem Feriendomizil fern zu halten? Kurz oberhalb der Rustici finden wir den Weg wieder. Es folgt ein interessanter Abschnitt, denn hier sind wir nun auf einer breiten Schulter angekommen, die fast flach ist, und früher offenbar stark bewirtschaftet wurde, denn es findet sich im Wald überall altes Gemäuer. Bei Punkt 1407 stossen wir auf den von Someo her ansteigenden Wanderweg. Wie weiter? Wir könnten nun direkt nach Someo absteigen und die Tour heute kurz halten. Oder aber wir folgen dem Wanderweg in die andere Richtung und steigen nach Bignasco ab? Paul entscheidet sich für eine dritte Möglichkeit: Wir folgen dem Wanderweg ein paar Meter in Richtung Bignasco, verlassen ihn dann aber, um kurz danach Corte del Ceppo zu erreichen. Nach nun drei Stunden Aufstieg haben wir eine Pause verdient. Paul legt mir seinen Pullover als Unterlage auf einen flachen Stein im Schatten der Jagdhütte hier, und ich schlafe gemütlich eine Weile, während Paul faul in der Sonne liegt und die Ruhe hier oben geniesst. Gelegentlich ziehen wir dann doch weiter und erreichen auf bescheidenem, aber immer gut sichtbarem und unschwierigem Weg A Carpögna. Auf der Wiese davor haben die Wildschweine mächtig gewütet und einen wüsten Acker hinterlassen. Jetzt folgt der einzige Abschnitt der heutigen Tour mit kaum vorhandenem Weg. Den Einstieg hinunter nach Ör finden wir erst mal schon nicht. Weil das Gelände unter A Carpögna doch recht steil ist, wenden wir einige Zeit dafür auf, doch noch irgend etwas Wegartiges zu finden. Schliesslich stossen wir auf eine kaum mehr sichtbare Weganlage, die wohl schon lange nicht mehr unterhalten wird. Hingegen ist sie mit wenigen Steinmännchen und Fetzen von so etwas wie Lastwagenplane einigermassen gut markiert, so dass wir schliesslich Ör doch noch ohne grössere Probleme erreichen. Hier verliert sich der Weg dann allerdings ganz, und wir kämpfen uns die letzten Höhenmeter nach Al Sasséll – wo wir wieder auf den Wanderweg stossen - gezwungenermassen weglos hinunter. Dem Wanderweg folgen wir allerdings auch nicht allzu lange, sondern bauen noch einen Schlenker via La Sínda und A Laódom ein, um bei A Carpagnón Zott schliesslich wieder den Wanderweg zu erreichen, dem wir nun hinunter nach Someo folgen. Inzwischen ist es ziemlich heiss, und wir sind ganz froh, dass wir erstens immer noch im Wald laufen und zweitens ein angenehmer Wind durch das Tal bläst. Die Wanderung heute war weit weniger abwechslungsreich als gestern, dennoch waren wir auf interessanten Wegen unterwegs und haben wieder einmal darüber staunen dürfen, was für steilem Gelände die Tessiner ihre Wege abgetrotzt haben.

Freitag, 22. Mai 2026